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„50 Jahre nach Contergan“ - ein ganz kleiner Rückblick

von Caroline Beyer-Enke

Das Medikament und seine Indikation:

Contergan kam am 1. Oktober 1957 auf den deutschen Arzneimittelmarkt. Es war ursprünglich als Mittel gegen Allergien gedacht, zeigte aber auch eine beruhigende und schlaffördernde Wirkung. Ende der 50er und Anfang der 60er Jahre wurde es deshalb als Schlaf- und Beruhigungsmittel verschrieben, das gleichzeitig gegen Schwangerschaftsübelkeit helfen sollte. Im Hinblick auf ein mögliches Vergiftungsrisiko bei einer Überdosierung galt es als besonders sicher, weshalb viele Frauen es unbedenklich einnahmen.

Der Wirkstoff Thalidomid und seine Nebenwirkungen:

Entscheidend war der Wirkstoff Thalidomid, der bereits 1956 von dem Chemiker Dr. Heinrich Mückler entwickelt worden war. Nach der Einnahme von Contergan hat der Stoff die Plazentaschranke überschritten und gelangte so in den Blutkreislauf des Embryos. In der frühen Phase der Schwangerschaft, also etwa in der vierten bis sechsten Schwangerschaftswoche, wurden schwere Störungen der Organentwicklung ausgelöst. Es kam zu Fehlbildungen der Glieder, Ohrmuscheln fehlten und die inneren Organe wurden teilweise heftig geschädigt. Bis heute sind die biochemischen Zusammenhänge für die Missbildungen nicht genau geklärt.

Die Tragweite der Katastrophe:

Besonders fatal war, dass mehrere Jahre vergingen, bis der Zusammenhang zwischen missgebildet geborenen Kindern und der Einnahme von Contergan erkannt wurde. In Deutschland entdeckte 1961 schließlich der Hamburger Arzt Widukind Lenz diese Korrelation. Trotz Berichten über 1000 beobachtete Fehlbildungen an Säuglingen nahm die Pharmafirma Grünenthal das Medikament aber nicht gleich vom Markt. Erst am 26. November 1961, also mehr als vier Jahre nach Markteinführung, zog das Unternehmen Contergan offiziell aus dem Handel zurück.

„Zigtausende“ betroffen:

Die Schädigungen von Contergan waren so stark, dass die Dunkelziffer von Fehlgeburten und Säuglingssterblichkeit sehr hoch ist. Darüber hinaus gibt es Schätzungen darüber, wie viele Kinder betroffen waren. Vermutlich sind zwischen 1958 bis 1961 weltweit 10.000 contergangeschädigte Kinder mit schweren Missbildungen auf die Welt gekommen. Da das Arzneimittel gerade in Deutschland sehr verbreitet war, schätzt man die Zahl hier auf 4.000. Aufgrund der Folgeschäden ist die Hälfte dieser Betroffenen bereits verstorben.

Der Prozess:

Erst zwischen 1967 und 1970 fand schließlich ein aufwändiger Prozess statt, in dem Betroffene um die Anerkennung ihrer conterganbedingten Schäden und Entschädigungszahlungen kämpften. Im April 1970 schlossen dann die Eltern der Geschädigten mit der Firma Grünenthal einen Vergleich und akzeptierten einen (von den meisten als gering eingestuften) Entschädigungsbetrag von 100 Millionen Deutschen Mark. Dabei wurden die Verantwortlichen der Pharmafirma strafrechtlich nicht weiter verfolgt. 1972 gründeten die Bundesrepublik Deutschland und Grünenthal eine Stiftung zur finanziellen Entschädigung der Opfer. Dennoch argumentieren Betroffene, die vielfach nicht lange oder gar nicht arbeitsfähig sind, dass die „Contergan-Rente“ zu ihrem pflegeintensivem Leben bei weitem nicht ausreicht.

Therapieansätze und Folgeschäden:

Die durch Contergan entstandenen Behinderungen sind unterschiedlich stark. Manchen Betroffenen fehlen sowohl Arme als auch Beine. Viele sind lebenslang auf eine zeit- und personalintensive Pflege angewiesen. Da normale Bewegungen unmöglich sind, kommt es zu einer verkrampften Zwangshaltung, die gesundheitliche Folgen hat. Wichtig ist vor allem, die degenerativen Veränderungen an den Gelenken und der Wirbelsäule zu behandeln. Häufig schmerzen auch Schultern, Ellenbogen, Hüfte und die oft sehr beanspruchten Knie. Sogar die Zähne können in Mitleidenschaft gezogen sein, weil Betroffene zum Beispiel Flaschen mit dem Mund (statt mit den Fingern) aufdrehen.

Wird Thalidomid heute noch eingesetzt?

Inzwischen ist der Stoff für bestimmte Indikationen wieder im Einsatz. Beispielsweise zur Behandlung der Lepra. Außerdem laufen zurzeit Untersuchungen, ob Thalidomid in der Rheuma- oder Krebstherapie Anwendung finden könnte. So erhofft man sich u.a. eine antiangiogenetische Wirkung, also eine Hemmung der Neubildung von Blutgefäßen, was auch das Krebswachstum hemmen soll.

Recherche/Quelle:

Persönliches Gespräch mit Professor Norbert W. Paul, Medizinhistoriker, Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin, Universität Mainz
Persönliches Gespräch mit Margit Hudelmaier, Vorsitzende des Bundesverbandes Contergangeschädigter e.V., Allmendingen
Persönliches Gespräch mit Jörg Kreuzinger, Betroffener, Karlsruhe

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